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Geschichte

Von Michael Heberling 
 
K i r c h e n z e i t u n g 
25. Februar 2007 
 
für das Bistum Eichstätt  Nr. 8 
"Über die Psalmbrücke gehen ..."

In Nürnberg-Eibach haben Frauen eine Gebetsgemeinschaft gegründet – in Walburgas Namen



„Wie ist es Euch gegangen?“ – Erfahrungsaustausch der „Cella St. Walburga“ in Nürnberg-Eibach. Die „Schwestern“ (hier mit Pfarrer Heinz-Dieter Bock) üben das Psalmenbeten.

Vater-Tochter-Gespräch: „Ich hab’ heut Abend einen Termin. Du wirst schon schlafen, wenn ich zurückkomme“. „Wo musst Du hin?“ „Ich besuche eine Gruppe von Frauen in Nürnberg, die machen was ganz Besonderes, die beten jeden Tag“. „Aber das ist doch nichts Besonderes, das ist doch ganz normal.“

 

Brief an die KiZ-Redaktion: „Wir würden uns freuen, wenn folgende Meldung aus unserer Pfarrei St. Walburga in einer der nächsten Ausgaben der Kirchenzeitung erscheinen könnte: Gebetsgemeinschaft ‘Cella St. Walburga’ gegründet“.

 

Cella = der Aufenthaltsort, die Wohnung des Mönchs. Bevorzugt für die Eremitenbehausung gebraucht, dann auch für das Kloster bzw. Teile desselben. Die monastische Literatur entwickelt eine eigene Spiritualität der Zelle. Thomas von Kempis singt das „Lob der Zelle“.
Lexikon für Theologie und Kirche

 

 

Gemeindereferentin Irene Keil hat es so gemütlich gemacht, wie man es in einem der überall gleich zweckmäßigen und klassisch nüchternen Gemeindezentrumsräume eben gemütlich machen kann: ein Stuhlkreis, in der Mitte ein Tuch, darauf eine Kerze. Es ist geheizt.
Zum dritten Mal treffen sich heute Abend in den Räumen der Pfarrei St. Walburga in Nürnberg-Eibach Frauen zum gemeinsamen Gebet und zum Gespräch darüber. Im November letzten Jahres haben sie sich unter dem Namen „Cella St. Walburga“ zusammengetan.

 

 

Etwa 25 sind es, sagt Irene Keil, „zwischen 30 und 60 Jahre, alle Schichten, alle Berufe, von der Chefsekretärin bis zur Arbeitslosen, von der Rentnerin bis zur „Nur-Mutter+Hausfrau“. Heute Abend sind es 15 Frauen und ausnahmsweise zwei Männer – der Gemeindepfarrer Heinz-Dieter Bock und „der Herr von der Zeitung, der so nett ist, und was über uns schreiben will“.

 

„Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion.“
Johann Baptist Metz

 

 

Der Tag rauscht noch durch die Runde, einige kommen gerade von der Arbeit, andere direkt vom Abendbrottisch oder haben eben noch die Kinder ins Bett gebracht. Einige „Schwestern“ werden ausdrücklich und ausführlich entschuldigt: eine hat eine Halsentzündung, eine andere Theaterprobe, eine dritte Hausbaustress. Sie sind nicht da, aber sie fehlen nicht: Verbunden im Gebet.

 

Jedes Jahr gibt’s neue Umfragen, neue Statistiken. 2002: „Zwei Drittel der deutschen Schüler beten“; 2004: „Deutsche beten täglich vier Minuten“; 2005: „Nur noch zehn Prozent der Christen beten regelmäßig“. Beten als Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung, als eine Möglichkeit der Krisenbewältigung, als eine Form des Freizeitverhaltens, ...

 

Wie beten? Keine Frage für die Frauen der „Cella“. Sie sind dabei in einer sehr festen Form ihre Freiheit zu finden. Kaum etwas eigne sich da besser als die Psalmen, findet Gemeindereferentin Keil. Beten mitten im Leben braucht eine klare Gestalt und eine einleuchtende Ordnung, dazu hilft ein eigens von ihr zusammengestelltes Tagzeitenheft. Der „Kleine Psalter für den Hausgebrauch“ zeigt auf dem Titel eine Abbildung vom Mittelteil des Altartryptichons der Pfarrkirche: die heilige Walburga, flankiert von ihren Brüdern Willibald und Wunibald. Zu ihren Füßen betende Schwestern.

 

Wie kommt der Begriff ‘Betschwester’ eigentlich zu seinem schlechten Image?

 

„Das Gebet ist altmodisch, verstaubt, wir müssen es befreien von Verknüpfungen mit Dogmen und Glaubenssätzen, freimachen von Spinnweben des Zweifels und Einwänden der Vernunft“, fordert der Internet-Informationspool „Astrologie.de“.

„Beten ist absolut nicht altmodisch, sondern kann die Welt verändern“, wirbt die jährliche Allianzgebetswoche der evangelischen Christen, ebenfalls im Internet.

Wer dort sucht, der findet: „Beten voll im Trend“, „Beten ist unlogisch“, „Beten senkt den Blutdruck“,...

 

Anfangs seien da schon auch Bedenken gewesen: „Ich hab’ keine Zeit zum Beten“; „Da fehlt mir die Kraft für“; „Da meinen ja alle, ich wär’ fromm“. Oder ist das nicht sogar egoistisch, hier miteinander „eine gute Zeit haben“, wie eine Frau gesteht? Es sei sogar „eine der besten Stunden des Tages“, verstärkt eine andere, wenn sie den Psalter zu Hand nehme und bete. „Es ist ein wunderschöner Ausgleich“ sagt eine der Frauen, eine andere findet: „Es stärkt und gibt mir Halt“.

Den einen hilft es in den Tag: sie beten, wenn die Familie noch schläft, vorm Frühstück, noch vor der Tageszeitungslektüre, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder auch in der U-Bahn. Den anderen hilft das Gebet in die Nacht: es macht sie ruhig, entspannt, sie lassen los und kommen zu sich.

 

Nein, es ist nicht egoistisch: sie beten für Viele und Vieles, für Bekannte wie Unbekannte, für andere in Bedrängnis, Not, Leid und Krankheit. Für die Ihren, die eigenen Kinder, die noch nicht oder nicht mehr selbst beten – Beten aus der Mitte des Lebens.



„Stehen wir so beim Psalmensingen, dass Herz und Stimme im Einklang sind“ – die „Schwestern“ der „Cella St. Walburga“ beim Gebet in der Eibacher Pfarrkirche.


Wieso lässt man sich eigentlich so ungern ‘ins Gebet nehmen’?

Pfarrer Bock, seit fünf Jahren in Eibach, gibt der „Cella“ an diesem Abend einige Impulse zu den biblischen Psalmen. Er selbst ist nicht nur Gemeindepfarrer, sondern, so verrät er, seit den 80-er Jahren Oblate des Benediktinerordens. Ist also nicht nur „seit seiner Diakonenweihe zum Stundengebet verpflichtet“, er fühle sich aus spiritueller Verbundenheit vielmehr dazu gedrängt.

Bock fand die Tradition einiger Frauen vor, die seit dem Jahr 2000 in wechselnder Zusammensetzung zu Klosterwochenenden fahren. In der Pfarrei aktive Frauen, in der Firm- oder Kommunionvorbereitung, im Kindergottesdienstteam, in Gremien, Frauen, bei denen aber der Wunsch nach mehr da war, nach „dem eigenen spirituellen Leben“. Seit 2003 gibt es auch einen Kreis von Männern, die einmal im Jahr nach Kloster Münsterschwarzach fahren.

 

Die Initialzündung zur Gründung einer „Cella“ gab ein eher launiges Gedankenexperiment im Anschluss an einen „gelungenen, rundum wohltuenden Klosteraufenthalt“, berichtet Irene Keil: „Wir haben herumgesponnen, geträumt, wie es wäre, im Alter in geistlicher Gemeinschaft miteinander zu leben, so etwas wie einen Eibacher Beginenhof zu gründen“. Dabei wurde klar: „Eigentlich wollen wir nicht bis an unser Lebensende warten, bis wir zum Beten kommen“.

 

„Ich glaube ich hatte Unrecht, als ich früher dachte, man müsse mit eigenen Worten beten. Das Beten in fremden, in alten, erprobten Worten ist gut; das Private wird darin eingeschmolzen, das Persönliche erhält in der geweihten Tradition tiefere und reinere Bedeutung“.

Luise Rinser

 

 

So jung die „Cella“, so erfreulich die Reaktionen von außen – dank fleißiger und höchst professioneller PR per Handzettel, Pfarrbrief, Kirchenzeitung und Internet. Die „Atempause“, einen kleinen frommen Impuls der jeden Monat erscheint, gibt es sogar im Internet-Abo. Spiritualität auf der Höhe der Zeit.

 Aus einer benachbarten Pfarrei kam die Bitte um ein Psalter, man wolle – unbefriedigt von immer ähnlicher werdenden Aktionstagen und der immer gleichen Themen in Gruppen und Gremien müde – „mal schauen, ob das nicht auch etwas für uns ist“. Sind das potentielle Nachahmer? Zellteilung in so frühem Stadium, da freuen sich die „Schwestern“ aus St. Walburga.

 

Wer singt, betet doppelt, heißt es. Wer’s nicht so gut kann, hat aber gerade bei den Psalmen mitunter Probleme. Also wird vor dem gemeinsamen Gebet geübt. Die „Schwestern“ werden ihre Fragen los, die beim Beten aufgetaucht sind, bekommen Antworten und Anregungen. Irene Keil ermutigt
zu Experimenten mit neuen geistlichen Liedern, hinzugenommenen Gebeten, die einem persönlich wichtig sind. Trotz der fest vorgegebenen, tradierten Form des Psalmenbetens soll jede Schwester ihre Weise finden können, wie sie „über die Psalmbrücke“ geht.

 

Dann verständigt man sich über die Fürbitten. Die Frauen erzählen einander von bevorstehenden Prüfungen, krank gewordenen Eltern, verstorbenen Großeltern, wollen die Kinder der Gemeinde einschließen, die Alten in den Heimen ringsum, wollen um Frieden und für die Schöpfung bitten. Alles andere als die routinierte Vorbereitung zur Gestaltung eines liturgischen Elementes. Hier werden ganz persönliche Anliegen ganz persönlich vorgebracht, vor Gott gebracht.

 

„Denken wir daher immer an die Worte des Propheten: ‘Dient dem Herrn in Furcht.’ ‘Singt die Psalmen in Weisheit.’ ‘Vor dem Angesicht der Engel will ich Dir Psalmen singen.’Beachten wir also, wie wir vor dem Angesicht Gottes und seiner Engel sein müssen, und stehen wir so beim Psalmensingen, dass Herz und Stimme im Einklang sind“.

Regel des heiligen Benedikt

 

 

In der spärlich beleuchteten Kirche ist es nicht warm. Vor dem Altar, unter dem Bild Walburgas kehrt Ruhe ein. Hier ist jetzt alles vereint. Die Frauen, von wo sie auch kommen, wohin sie auch gehen werden danach, die anwesenden und die abwesenden „Schwestern“, die Betenden mit ihrer Welt, ihren Familien, Verwandtschaften, ihren Freundeskreisen, ihrer Gemeinde, die wenigen hier so Nahen mit den vielen Fernen, die „Cella“ mit der Welt, auch mit der der Ordensleute, die Lebenden mit den Toten – vereint im Gebet vor Gott.

Danach ziehen die Frauen mit den zwei Männern locker, aber nicht lässig, aus der Kirche aus, nur noch der ein oder andere kurze, leise Wortwechsel, Gute-Nacht-Wünsche, man geht auseinander. Ein außergewöhnlich normaler Abend klingt – nach.

Michael Heberling

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