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Geschichte

25. Juni 2018

675 Jahre Kirchweihe:

evangelische Johanneskirche feiert "halbrundes" Jubiläum

Fotos: Keil

"Nix halbes und nix ganzes..." apostrophierte Pfarrer Benjamin Schimmel scherzhaft das 675. Weihejubiläum der evangelischen Kirche, das genau an Johanni - dem Festtag ihres Patrons Johannes des Täufers - gefeiert wurde.

 

Bis zur Reformation hieß die Kirche St. Barbara und Katharina und war katholisch - von daher war es der evangelischen Gemeinde ein großes Anliegen, dass das Jubiläumsjahr in ökumenischer Offenheit und geschwisterlicher Freude begangen wird. 

 

Freundlicher Weise hat uns Pfr. Schimmel seine Festpredigt zur Verfügung gestellt, die wir hier ungekürzt abdrucken dürfen - ganz herzlichen Dank! In seine meditative Ansprache "hineinverwoben" ist der Predigttext aus 1 Petr 1,8-12 (in kursiver Schrift).

 

 

Einatmen. Ausatmen. Tief einatmen.
Können Sie es spüren, wie es durch Ihre Lungen zieht?
Durch die Nase, in den Kopf, ins Blut.

Was dieser Raum atmet. Die Steine, das Holz.
Luft aus 675 Jahren.

Was diese Kirche atmet. Und wir heute mit.
Die ersten Worte, die dieser Bau gehört hat – Latein:
„In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti.“
Das Chrisamöl, das an den Stellen der Weihekreuze in die Wände gezogen ist. Die Leidenschaft, mit der hier Menschen gebaut, gemalt, gestaltet haben. Schweiß und Herzblut.

Was diese Kirche atmet. Geschichte und Geschichten.
Von Patriziern und Forstarbeitern. Erste Erzählungen aus der Neuen Welt nach Kolumbus. Große Entdeckungen und tragische Schicksale. Reformation. Kriegsheere, die 30 Jahre brandschatzend durchs Land zogen. Der Geruch von Schwefel hängt in den Mauern. Von den Kanonen, die den ersten Turm wegschossen. Von geschmolzenem und geborstenem Glas der Chorfenster nach den Bombardierungen 1942 und ´43. Als zur 600-Jahr-Feier, an die manche sich noch erinnern, die Motterstraße in Schutt und Asche lag, hier ringsum die Dächer abgedeckt.
Knatternde Geräusche von ersten Automobilen.
Das Surren der Elektrobusse, die vor der Tür mal ihre Wendeschleife hatten.

Was diese Kirche atmet. Lachen und Weinen.
Die Gebete von Menschen aus sieben Jahrhunderten.
Die Trauer über Abschiede. Letzte Wege.
Die Freude über das Leben.
Wenn hier zwei den Bund fürs Leben geschlossen haben.
Mit neugeborenen Kindern im Arm. Schreiend. Schlafend.
Steine und Holz vollgesogen mit Liedern aus 675 Jahren.
Vollgesogen mit Musik und Stille; Hoffnung und Erwartung.
Können Sie es spüren, wie es durch Ihre Lungen zieht?
Durch die Nase, in den Kopf, ins Blut.

Staunen kann man hier lernen. Danken. Singen.

Wenn man sich mitziehen lässt von dem, was man hier mitatmen kann. Im Rückblick. 675 Jahre und noch mehr.
Wie das alles hier ja noch viel weiter zurückweist: auf Katharina und Barbara hier im Schlussstein; Johannes, der Täufer; Jesus Christus, der Eckstein.
Wie Petrus schreibt, von dem, was durchzieht. Atmet.
Vor uns; mit uns: (1Petr 1,8f)

Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

 

Rückblick ist schön. Zum Feiern. Heute an Johanni.
Das hier ist ein Ort zum Liebhaben. Etwas für Liebhaber. Dieser Ort, dieses Haus mit seiner ganzen Geschichte.
Mit all dem, was es atmet.
Eigene Geschichte und viele andere Geschichten.

Rückblick ist hier aber nicht alles.
Wir sind nicht hier, um nur alte Luft zu atmen.
Rückschau für Liebhaber. Nostalgiker.
Zwischen Kolumbus und der eigenen Hochzeit. Taufe der Kinder. Weihnachten. Momenten, an denen das Leben sicher dicht geworden ist.
Sondern wir sind auch hier zur Vorausschau.

Ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

 

Dieser Ort, dieses Haus, das was hier alles geschehen ist in 675 Jahren und geschieht, hat ein Ziel. Eines auf das Johannes der Täufer weist. Immer wieder. Mit überlangem Finger.
In Kirchen – wie alt und schön sie auch sind – geht es nie nur ums Zurück. Erinnern.
Sondern ums Voraus. Ums Hoffen, Erwarten.
Eines, das nicht nur in den Steinen und Hölzern steckt, sondern lebendig wird. Heute, Morgen. Immer neu. 

Unsere Kirche atmet nicht nur Luft aus 675 Jahren.
Sie ist selbst ein Raum zum Atmen.
Kirche ist Atemraum für die Seele.

Es geht hier nicht nur um das, was uns in die Lunge ziehen kann, in den Kopf, in die Fingerspitzen. Was ein wenig kribbelt und auch wieder vergeht.

Es geht – mit Petrus – um der Seelen Seligkeit.
Kleiner haben wir’s hier nicht.
Hatten wir es nie in den 675 Jahren hier.
Das gibt es hier zu atmen. Diesen Geist. Diese Luft.

Etwas vom Ziel atmen, das Gott schenkt.
Etwas vom Getragen- und Gehaltensein. Festgemacht sein.
Allem zum Trotz, was sich dem Leben dazwischen legen kann. Etwas atmen vom Leben, das kein Ende kennt.
Einatmen. Ausatmen. Tief einatmen. Selig werden.
„Das verleihe Gott uns allen“, haben wir auch heute wieder gebetet.

Für der „Seelen Seligkeit“.
Das Ankommen, Heimat haben mit allem, was uns ausmacht.

Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die geweissagt haben von der Gnade für euch, und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutet, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach. Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten mit dem, was euch nun verkündigt ist durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, – was auch die Engel begehren zu schauen. (1Petr 1,10-12)

 

Die Engel schauen zu. Uns beim Atmen. Einatmen.
Schauen zu, was uns in die Seele zieht.
Seit gotischen Zeiten mit den Augen der Engel, die dort im Chor oben an der Decke schweben.

Schauen zu, wie wir in der Spur der Katharina und Barbara, in der Spur Johannes des Täufers gehen. Uns ausrichten.
Aufs Ziel hin.
Heute an Johanni. Dem Wendepunkt im Jahr.
Wenn jetzt die Tage wieder kürzer werden bis Weihnachten. Bis das Neue kommt.
Wenn wir uns damit hier heute erinnern lassen: das hier, dieses Haus, diese Kirche ist ein Ort zum Wenden.
Ein Ort, an dem wir uns Gott zuwenden.
Ein Ort, an dem sich Gott uns zuwendet. Greifbar wird. Uns ausrichtet. Auf den Christus hin:
der Leib Christi. Für dich. Das Blut Christi. Für dich.

Ein Ort, an dem wir dastehen und die Seele atmet.
Etwas von dem Ziel, das Gott schenkt.

Nicht nur alte Luft atmen. Sondern auch ganz andere. Neue. Odem. Gottes Lebensatem. Der nicht ausgeht.

Atmen. In dieser Kirche.
Einem Ort zum Atmen für die Seele. Seit 675 Jahren.
Und die Engel schweben drüber. Und schauen. Und staunen. Und singen. Und wir stimmen ein. Heute. Morgen. Ewig.
Aus ganzer Seele. Amen.

 

 

 


Von: Irene Keil / Pfr. Benjamin Schimmel